Ein temporäres Denkmal für Hamburg
Katharina Kohls Grafikserie „Gedächtnislücken" hinterfragt die behördlichen Ermittlungen zum NSU-Komplex, sowie deren Aufarbeitung.
Die Künstlerin hat Protokollseiten der Zeugenvernehmungen des ersten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages in einem speziellen Druckverfahren geschwärzt.
Nur die Textstellen, an denen sich die Zeugen aus den Behörden nicht erinnern konnten oder wollten, blieben frei lesbar.
Diese Grafikblätter der Jahre 2017–2018 nehmen wir zum Anlass, an den rassistischen Mord an Süleyman Taşköprü zu erinnern. Der Mord geschah vor 25 Jahren, am 27. Juni 2001 im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Zu diesem Jahrestag wollen wir im Stadtraum ein Zeichen setzen.
Durch Plakatierung der Grafiken auf Litfaßsäulen werden diese zu Skulpturen. Auf diesem Weg tragen die Litfaßsäulen eine Mahnung an die weiterhin unzureichende Aufklärung im NSU-Komplex mehrdimensional in den öffentlichen Raum.
Das individuelle und institutionelle Nicht-Erinnern aus den Zeugenvernehmungen wird so zu einer Art Denkmal.
Die Auseinandersetzung über dahinter liegende Fragen wird mit Publikum in Gesprächsveranstaltungen, öffentlichen Spaziergängen und weiteren Veranstaltungen angestoßen und vertieft.
Wir fragen:
− Wo in unseren öffentliche Räumen ist Platz für Erinnerungskultur? Kann ein temporäres Denkmal ebenso Erinnerung wachhalten, wie die fest im Stadtbild verankerten Denk- und Mahnmale?
− Kann ein temporäres Denkmal, auch über den Kreis der Betroffenen hinaus, die Stadtgesellschaft in ihrer Gesamtheit miteinbeziehen?
− Kann solch ein temporäres Denkmal ein Anstoß sein für weitere Aufklärung?
Gedächtnislücken ansehen
Foto: DG Reiß.
Am 27. Juni 2001 wurde in Hamburg Süleyman Taşköprü in seinem Ladengeschäft ermordet.
Bereits im September 2000 waren Enver Şimşek und im Juni 2001 Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg ermordet worden.
Alle drei Männer wurden mit einer Pistole vom Typ Česká 83 erschossen. Kurz darauf, im August 2001, wurde ein vierter Mann, Habil Kılıç, in München mit der gleichen Waffe ermordet.
Die Ermittlungen in Hamburg fokussierten sich direkt nach der Tat — trotz der Hinweise auf die gemeinsame Tatwaffe — eng auf das direkte Umfeld des Opfers. Die Familie Taşköprü wurde über Jahre hinweg verdächtigt, in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein.
Bereits im Jahr 2003 wurden die Ermittlungen in Hamburg eingestellt, ohne dass die Angehörigen davon in Kenntnis gesetzt wurden. Dies geschah unter der politischen Verantwortung des damaligen Polizeipräsidenten und späteren Innensenators Udo Nagel, der diese Ämter von 2002 bis 2008 innehatte.
Als die Hamburger Polizei im Herbst 2005 die Ermittlungen dann wiederaufnahm, hatte es mit İsmail Yaşar im Juni bereits das 6. Todesopfer der Mordserie gegeben. Vier Monate später wird Süleyman Taşköprüs Vater von der Polizei in Hamburg geladen, um die nach der Tat in München erstellten Phantombilder mit seiner Beobachtung, von zwei am Tatort in Hamburg 2001 anwesenden „deutschen Männern“ zu vergleichen (A. Speit, taz, 23.09.2013).
An verschiedenen Tatorten hatte es Hinweise von Zeugen auf Deutsche und auch auf rechtsextreme Täter gegeben. Doch in Hamburg hielt man bis zur Selbstenttarnung des NSU 2011 an der immer gleichen Ermittlungsstrategie „Organisierte Kriminalität“ fest, obwohl sie zu keiner Aufklärung geführt hatte. Stattdessen blieb die menschenfeindliche, diskriminierende Haltung der Ermittlungsbehörden gegenüber den Angehörigen bestehen.
Die rassistische Ermordung Süleyman Taşköprüs jährt sich in diesem Jahr zum 25. Mal.
Gedächtnislücken #revisited – Ein temporäres Denkmal für Hamburg
Eröffnung um 16 Uhr: Begrüßung und Enführung mit Nina Kalenbach und Katharina Kohl
Ecke Ballindamm/Jungfernstieg
20095 Hamburg
Podiumsgespräch: Leben mit den Folgen von rechter Gewalt und Rassismus
Mit Filmvorstellung: Dann vergesse ich alles
Beginn 14.30 Uhr, Film um 15 Uhr, Ende ca. 17.30 Uhr.
Nachmittagsaustausch in Kooperation mit der GWA St. Pauli e. V.
Ihre Leben sind so unterschiedlich wie ihre Bewältigungsstrategien. Was hilft und stärkt, um zu überleben und ein Leben in Würde zu führen?
Über das Leben mit den Folgen von rechter Gewalt und Rassismus werden der politische Bildner Okan Taşköprü (Hamburg), der Filmemacher Ibrahim Arslan (Mölln), der Künstler Ali Riza Ceylan (Köln) sowie Fatma Ceylan und Bengü Kocatürk-Schuster von der Initiative Herkesin Meydanı — Platz für alle (Köln) berichten und anschließend mit dem Publikum diskutieren.
Die Moderation übernimmt die Kunst- und Kulturvermittlerin Ziba Sharareh Ahghari.
Übersetzung für Fatma Ceylan: Andreas Grenda
Vor dem Gespräch zeigen wir Dann vergesse ich alles (Kurzfilm / D 2024 / 14:53 Min.).
Ein Film von Ulf Aminde, Gürsoy Doğtaş, Bengü Kocatürk-Schuster und Daniel Poštrak mit Ali Rıza Ceylan.
Der Film hatte hier in Hamburg im Salon und Filmraum in der Schule am Bullenhuser Damm am 25.04.2025 Premiere.
Regie, Kamera und Schnitt: Daniel Poštrak
Idee: Gürsoy Doğtaş, Ulf Aminde
Interview: Gürsoy Doğtaş und Bengü Kocatürk-Schuster
Foley und Tonmischung: René Peltsch
Deutsche Untertitel: Gaby Gehlen / Titelmanufaktur produziert von und für „Das Mahnmal an der Keupstraße“.
Entstanden parallel zur Ausstellung „There is no there there“ im MMK— Museum für moderne Kunst Frankfurt, Laufzeit 13.04.–29.09.2024.
Gefördert durch die Stadt Köln.
Hein-Köllisch-Platz 12
20359 Hamburg
Spaziergang zum Goetheplatz
Am 14. Juni um 15 Uhr ist der Kunst-Imbiss am Goetheplatz die Anlaufstelle für das Publikum.
„Gedächtnislücken #revisited“
erfahren werden.
Auch die Hintergründe die in der Werkserie „Personalbefragung / Innere Sicherheit“ von Katharina Kohl begründet liegen, kommen zur Sprache.
Ganz in unmittelbarer Nähe kann eine vollständig plakatierte Litfaßsäule zusätzlich „erwandert“ werden.
Goethestraße / Große Bergstraße
22767 Hamburg
Podiumsgespräch: Stand der Aufklärung zum NSU-Komplex — mit Fokus auf die Hamburger Situation
Sonntag, 21. Juni, 14.30 Uhr
Wir wollen an diesem Nachmittag einen Denkraum schaffen, der einerseits ortsspezifisch Regionalgeschichte verhandelt aber zugleich auf ein bundesweites Gedenkthema verweist.
Dazu haben wir Menschen eingeladen, die sowohl über die spezifische Situation der Aufklärung in Hamburg berichten können, als auch die Lücken der bundesweiten Aufklärung im Blick haben.
Das Podium wird moderiert von Jens Geiger-Kiran, der im Jahr 2021 die Ausstellung »Kein Einzelfall. Rechtsradikale Realitäten in Deutschland«, auf Kampnagel kuratierte. Zum Auftakt der Hamburger Autor Felix Krebs über den Stand der Hamburger Aufklärung berichten.
Okan Taşköprü wird als Botschafter seiner Familie deren Perspektive darstellen.
Katharina König, MdL, Die Linke, Thüringen, Mario Melzer, Kriminalhauptkommissar, Thüringen, sowie Dirk Laabs, Autor und Regisseur weiten den Blick auf die überregionale Perspektive.
Durch die Recherchearbeit von Dirk Laabs für seine Dokumentation „World White Hate“, 2025, werden auch internationale Entwicklungen thematisiert. Das Publikum ist herzlich eingeladen zur anschließenden Diskussion mit den Teilnehmenden.
Die Veranstaltung erfordert eine Anmeldung über https://stadthaus.gedenkstaetten-hamburg.de/de/veranstaltungen/termin/stand-der-aufklaerung-zum-nsu-komplex-wie-ist-die-situation-in-hamburg
Podiumsgespräch: Künstlerische Praxis und Erinnerungskultur im Stadtraum
Auftakt: Impulsvortrag zur Reihe der Gegendenkmäler von Joanna Warsza, Stadtkuratorin Hamburg
Sonntag, 5. Juli, 14.30 Uhr
Moderation: Dan Thy Nguyen
– in Kürze mehr
Glockengießerwall 5
20095 Hamburg
Die zuständige Person aus dem Team Presse wird sich zeitnah bei Ihnen melden.
Künstlerin
Kuratorin
info@gedaechtnis-luecken.de
Nina Kalenbach
Kunsthistorikerin
Kuratorin
info@gedaechtnis-luecken.de
Claudia Postel
Kunsthistorikerin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
presse@gedaechtnis-luecken.de
Marie Kuhn
Kulturwissenschaftlerin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Social Media
presse@gedaechtnis-luecken.de
Kevin Visdeloup
Gestaltung
Julius Kühn
Webentwicklung